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liebes Tagebuch,
wenn man mal nicht in der Kneipe um die Ecke sitzt, weil diese zu hat und die Belegschaft einen betrieblichen Kneipenbummel macht, dann weiß man so manches Mal nix mit seiner Zeit an zu fangen.
Glücklich sind die , die sich lang weilen und trotzdem glücklich sind. Das ist wahrlich eine Kunst. Bauer Stevens, angestellt beim Ostfriesen TÜV, und verantwortlich für die Durchsetzung der Pudelmützenpflicht beim Motorrad fahren, setzt sich bei freier Zeit oft in den Kuhstall und zählt die Schwanzschläge der Kühe pro Minute. Auch unser Bürgermeister, Anhänger von Extremsportarten, ist dann oftmals im Keller an zu treffen und starrt an die Wand, bis der Putz ab blättert. Extrem! Sag ich nur. Unser Pastor ist auf die Idee gekommen bei Wetten Dass auf zu treten, und horcht seither in jeder freien Minute sämtliches Ticken der Parkuhren unseres Ortes ab. Er sagt, dass er die Parkuhren an ihrem Ticken unterscheiden kann und hofft auf viel Kleingeld im Klingelbeutel.
So suchte ich mir auch diverse Hobbies deren ich frönen könne in meiner Freizeit. Ich fuhr mit dem Bus in die nächst größeren Orte um heraus zu finden, welcher Ort das größte Kaufhaus hat .Dazu zählte ich im Kaufhaus die Anzahl der Treppenstufen, was nicht sehr einfach war. Denn im Konsumrausch umher taumelnde, militante Rentner und Mütter mit ihren hyperaktiv schreienden Kindern , störten bei der Konzentration, und ich fing manches Mal von vorne an. Bis ich eines Tages im Karstadt an einer Treppe zählend verweilte. Bis zum Ladenschluss war ich noch nicht durch mit der Zählung der Treppenstufen, und ich dachte es müsse das größte Kaufhaus dieser Stadt sein. Denn die Treppenstufenanzahl war enorm. Der Kaufhausleiter forderte mich mehrmals auf nun das Kaufhaus zu verlassen, doch ich ereiferte mich mit der Zählung noch heute fertig zu werden. Er wies mich darauf hin, dass ich an der Rolltreppe nicht länger verweilen dürfte und seine Security schmiss mich raus. Manch einer geht einem Hobby nach und ist sich nicht bewusst wie gefährlich es sein kann. Ich bedauerte den Verlust zweier Zähne und kühlte mir das Auge auf der Rückfahrt im Bus an der Polsterung der Sitze. Ich dachte darüber nach es den Engländern gleich zu tun und als Flitzer durch den Ort zu laufen. Doch bei längerer Überlegung dachte ich an die letzten Sommer der Jahre zuvor, als ich im Dorftümpel nackt badete und mir die Dorfjugend meiner Kleider entledigte. Um diese wieder zu bekommen war ich regelmäßig im Sommer eh schon nackt unterwegs und daher wäre es keine Besonderheit mehr in unserem Dorf . Außerdem, was könne man noch besonderes machen!
So verfolgte ich das alltägliche Fernsehprogramm und mir war klar....ich könnte mir die extremsten Hobbies aussuchen, es würde immer noch von einem mehr oder weniger Prominenten getoppt werden. Ich sah einen Griechen in den Dschungel scheißen und musste an die Saalfeier der Eheleute Hinrichs denken, bei der in früher Morgenstunde zwei entfernte Verwandte im Saufwettstreit in den Saal geschissen hatten, zur Freude der Reinemachenfrauen. Und als ich Big Brother sah, da erinnerte ich mich an eine WG im Dorf, die sich Mormonen nannten und die man kaum einmal zu Gesicht bekam. Allerdings wohnten die nicht im Container. Und bei den Talk-Sendungen dachte ich an den Beichtstuhl unserer Kirche, den wir schon länger verkabelt hatten ohne es dem Pastor zu sagen. Und als ich den Krokodil Mann aus Australien in seiner Sendung sah, da dachte ich an Ziegenpaule, der seine Tiere über alles liebt, wenn du verstehst, liebes Tagebuch.
Also dachte ich mir, wenn das Extrem allerorts so normal ist wie der alltägliche Stuhlgang, dann müsse ja das normale, fast monoton spießige, das Extrem dieser Zeit sein und ich schmierte mir ein Butterbrot und freute mich tierisch über diese Extravaganz! So liebes Tagebuch, danke für deine Geduld! Bis die Tage,
Dein Ostfriese
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